Unser landwirtschaftlicher Vermehrungsbetrieb in Bardenhagen

Betriebsleiter 

Wolfgang Langehenke

Mobil: 0170/9239800

Bilder von der Hofeinweihung 2007

Geschichte



Das Trabergestüt Bardenhagen


Trainer J. Spieß errang 1931 das deutsche Jahreschampionat

Von Eberhard Behnke

 

Namen wie Eddy Freundt, Heinz Wewering und natürlich ,,Hänschen" Frömming dürften nicht nur Pferdesportfreunden ein fester Begriff sein. Zwei Jahre, bevor dieser sein erstes Deutsches Traber-Derby gewann, errang J. Spieß, Trainer im Gestüt Bardenhagen, 1931 das begehrte Jahreschampionat der Berufsfahrer. 143 Mal fuhr er als Sieger über die Ziellinie, eine bis dahin einmalige Siegesserie. Die

Bardenhagener Nachzucht präsentierte sich prächtig. Weit über 100 Mal sah man in diesem Jahr die gelbe Jacke, die Bardenhagener Farben, im Zieleinlauf in Front liegen. Dieser Rekord hatte auch noch nach dem Zweiten Weltkrieg Bestand' ,,Kein Renntag ohne Bardenhagener Sieg", lautete die Parole euphorisch. Hiermit war ohne Zweifel der sportliche Höhepunkt des Trabergestüts erreicht. Doch wie hatte es begonnen und wer war der Besitzer, der die Fäden in der Hand hielt?

 

Otto Kloß

Der Unternehmer besaß vor der Jahrhundertwende eine kleine Hamburger Bäckerei. Als Bäckergeselle soll er seinerzeit in Hamburg zugewandert sein.  Er erkannte den schnell wachsenden Bedarf der expandierenden Hansestadt und begann frühzeitig, industriell zu produzieren. Durch eisernen Fleiß und Geschäftsgeschick wuchs das Unternehmen im Laufe der Jahre zur Branchenspitze. 1925 führte er schließlich eine der beiden größten privaten Brotfabriken Deutschlands, wahrscheinlich auch ganz Europas.

Die beiden privaten Großbäckereien Kloß und Busch (dieser fing 1889 mit zwei Gesellen an) hatten zusammen einen Mitarbeiterstamm von 660 Beschäftigten, verarbeiteten täglich 1200 Doppelzentner Mehl und belieferten über eine halbe Million Hamburger mit ihren Produkten. Ihr Marktanteil lag bei 45 Prozent. Über ein weit verzweigtes Netz von etwa 180 Filialen wurden die Backwaren im ganzen Stadtgebiet abgesetzt.

Der berufliche Erfolg erlaubte es dem finanzstarken Unternehmer nun auch, kräftig in sein Hobby zu investieren. 1917 erwarb Otto Kloß das Gut Bardenhagen von der Bergbau-Gesellschaft Ravensberg GmbH, Hannover. Diese hatte 1912 das Anwesen von Alex Meyer erworben. Und wäre nicht schon zwei Jahre später der Erste Weltkrieg ausgebrochen, hätte Bardenhagen wohl eine ganz andere Entwicklung

genommen.

 

Kaliabbau

Zwei Tiefbohrungen, die auf dem Grund des Hofbesitzers Sannes in Eitzen I und des Gutsbesitzers Alex Neyer in Bardenhagen bis in etwa 1100 m Tiefe niedergebracht wurden, brachten gute Ergebnisse. Beide Bohrungen wiesen in 500 bis 800 m Tiefe Kalischichten nach, die untere und mächtigste war bis zu 80 Prozent kalihaltig.

Per Gerichtsbeschluss wurde der Bezirk zum abbauwürdigen Kalilager erklärt, und die Gewerkschaft ,,Fürst von Waldeck" schloss mit fast allen Grundstückseigentümern der Gemeinden Steddorf,  Rieste, Beverbeck, Grünewald, Eitzen I und Bardenhagen einen Bohrvertrag ab. Dafür hat die Gewerkschaft den Grundeigentümern von 1910 bis 1914 pro hannoverschen Morgen 50 Pfennig Wartegeld gezahlt. Noch im Kriegsjahr wurde dann am ,,Fuchsberg" proforma mit dem Schachtbau begonnen.

Zwei Jahre vorher hatte Unternehmer Krüger,  Direktormehrerer Kaligewerkschaften bei Hannover, das Gut Bardenhagen gekauft, und die gesamte Bevölkerung rechnete nun mit dem baldigen Aufbau einer Kaliindustrie in nächster Nähe. Sogar über den erforderlichen Eisenbahnanschluss durch die Gemarkungen wurde ernsthaft diskutiert. Dann brach der Krieg aus und die Pläne versandeten damit.

Die Bohrrohre waren allerdings noch in den 30er Jahren zu sehen. Auch Direktor Krüger hatte damals schon die Absicht, Vollblutpferde auf dem Anwesen zu züchten. Doch zurück zu Otto Kloß, dem neuen Besitzer von Bardenhagen.

 

Der Mäzen

Die Liebe zum Trabersport hatte Otto Kloß allerdings schon 1890 entdeckt. Der Kauf von ,,Young Axtell" brachte seinerzeit die ersten Rennerfolge. Der Hengst konnte bei 13 Starts zwölf Rennen gewinnen. Bald vergrößerte Kloß seinen Rennstall, stieg auch gelegentlich selbst in den Sulky, um seine Farben erfolgreich zu vertreten.

Seine sportliche Heimat waren der Altonaer Rennclub und die Bahrenfelder Rennbahn, die 1880 eröffnet wurde, zur Jahrhundertwende die einzige Rennbahn im norddeutschen Gebiet. 1905 wurde der Altonaer Rennclub gegründet, der den Rennbetrieb auf dem Geläuf organisierte. Für jedes Rennpferd waren damals 2,50 Mark Startgeld und 25 Mark Trainiergeld zu entrichten.

Der Verein war ständig bemüht, den Mitgliederbestand durch Aufnahme angesehener Persönlichkeiten zu vergrößern. So traten 1913 auch Otto Kloß sowie Carl Tiedemann vom Gestüt Augustenhöh und weitere renommierte Geschäftsleute dem Verein als Stifter bei. Den Vorsitz hatte zu dieser Zeit Karl Schwanwitz vom Rittergut Klein Helle. Einige Mutterstuten aus diesem Gestüt bildeten den Grundstock der ersten Bardenhagener Zucht.

In die Fußstapfen seines Vaters trat später auch Sohn Hans, der sich besonders mit der Aufzucht der Traber beschäftigte und dank seiner reichen Erfahrungen auch in die Hamburger Landesleitung für Pferdesport und -zucht berufen wurde.

 

Der Brand

Das Jahr 1925 brachte dann zwei einschneidende Ereignisse, die für den Rennbetrieb in Bahrenfeld und für die Zucht in Bardenhagen von entscheidender Bedeutung sein sollten. In der Nacht zum 14. Juli standen die Stallgebäude der Bahrenfelder Bahn, verursacht durch eine weggeworfene Zigarette, in Flammen.

Schnell fraß sich das Feuer von Box zu Box. Die Feuerwehr konnte trotz ihres entschlossenen Einsatzes lediglich verhindern, dass sich die Flammen weiter ausbreiteten. Ein Pferdepfleger und 13 wertvolle Traber verbrannten oder erstickten.

Schnelle Entscheidungen waren nun gefragt. Der Neubau der Rennbahn verschlang große Summen. Passionierte Vorstandsmitglieder, unter ihnen auch Otto Kloß, stellten aber erhebliche finanzielle Mittel zur Verfügung, so dass die Finanzierung und der Wiederaufbau gesichert waren.  Bahrenfeld erhielt ein modernes Kunstgeläuf. Die zeitgemäße Tribüne brachte den Zuschauern Bequemlichkeit. Heizbare Wetthallen sollten den Wettumsatz am Totalisator ankurbeln. Die Traber erhielten zudem massiv gebaute und hygienisch vorbildliche Stallungen.

 

Die Amerikaner

Die Vereinigten Staaten von Amerika waren seinerzeit das Mekka der Traberzucht. Und Kloß wusste auch, dass erstklassiges Zuchtmaterial nur zu erreichen war, wenn es ihm gelang, entsprechende Spitzentraber zu importieren. So fuhr er 1925 in die USA, um sich umzusehen und sein Gestüt mit bestem amerikanischen Zuchtmaterial aufzufüllen. Zwölf tragende Mutterstuten, die in ihrer Heimat Rekordleistungen aufzuweisen hatten, brachte er mit über den großen Teich. Dies erregte natürlich großes Aufsehen. Die Traberwelt aber sprach in den kommenden Wochen eher über die beiden Hengste ,,Peter Speedway" und ,,St. Roberts", die er ebenfalls erworben hatte. Sie sollten die Bardenhagener Farben von nun an nach vorn tragen.

Am 21. Oktober 1925 trafen die Amerikaner per Schiff in Bremerhaven ein. Kloß beantragte beim Landwirtschaftsminister in Berlin für die eingeführten Stuten Zollermäßigung. Zuständig war in dieser Angelegenheit allerdings der Regierungspräsident in Lüneburg bzw. das Landratsamt in Oldenstadt. Dieses wiederum forderte das Landgestüt in Celle sowie den Land- und forstwirtschaftlichen Provinzialverein in Uelzen zur Stellungnahme auf.

Hier aber stand man dem Anliegen ablehnend gegenüber: ,,Ein Bedürfnis zur Einfuhr von Warmblutpferden aus Amerika liegt u. E. durchaus nicht vor. Jede Einfuhr von Pferden muss unsere heimische Pferdezucht schädigen. Die Lage unserer hannoverschen Pferdezucht aber, ist infolge eines schlechten Absatzes außerordentlich schwierig. Das trifft besonders für die eigentlichen Zuchtgebiete zu (Lüneburger Elbmarsch und die Marschgebiete im Regierungsbezirk Stade).

Im Interesse der heimischen Landwirtschaft und vom allgemeinen wirtschaftlichen Standpunkt aus betrachtet, muss gesagt werden, dass jede Einfuhr von Pferden heute überflüssig und schädlich ist. Die Erteilung der Zollermäßigung würde von unseren heimischen Pferdezüchtern nicht verstanden werden."

Dieser Disput zog sich wochenlang hin. Schließlich aber hatte Kloß doch die besseren Verbindungen. Der Landwirtschaftsminister in Berlin wies die Unterbehörden persönlich an, die Genehmigung zu erteilen.

 

Renngeschichte

Auch der Trabersport lebt natürlich von Ausnahmeerscheinungen, die auch die Zuschauermassen auf die Bahn bringen. Der damals achtjährige ,,St. Roberts" und vor allen Dingen der dreijährige braune Hengst ,,Peter Speedway" waren solche Spitzentraber und hatten in den Folgejahren in den Siegerlisten ihren festen Platz.

Während die Traber nun in den kommenden Monaten auf die Rennsaison vorbereitet wurden, arbeiteten in Bahrenfeld die 180 Handwerker noch fieberhaft am Wiederaufbau. Schließlich, am 4. Juli 1926 war es soweit - bei schönstem Sommerwetter wurde die Bahn in Bahrenfeld wieder eröffnet. Und der

Rennsport zog die Massen dank der Amerikaner auch gleich in ihren Bann.

Diese Investition in bestes Trabermaterial und das intensive Training sollten sich für den Bardenhagener Rennstall auszahlen. Man konnte sich zur Bahneröffnung gleich mehrmals in die Siegerlisten eintragen. ,,Während im Sommerpreis der Dreijährigen sich der Bardenhagener Einsiedler mit Paul Schönrock noch um einen Hals dem Außenseiter Märzveilchen beugen musste, triumphierte Peter Speedway mit Eugen Treuherz im Sulky im Preis von München, der immerhin 13 Pferde der internationalen Klasse am Start sah. Auch die Championship von Bahrenfeld (12000 Mark) stand im Zeichen der Überlegenheit von Peter Speedway, der sich im ersten Stechen gegen Cononel Bosworth, im zweiten Stechen gegen Florentiner durchsetzte."

Abschließend mag folgender Bericht die Rennatmosphäre des Jahres 1929 widerspiegeln: ,,In Bahrenfeld wurde an diesem Nachmittag Sportgeschichte geschrieben. Die Russen, die erstmalig nach langer Zeit aus ihrer Abgeschiedenheit hervortraten, erstrebten in Deutschland Vergleichskämpfe, um einen Maßstab für ihre Zucht zu bekommen. In Bahrenfeld fanden sie diesen Maßstab. Das erste Stechen gewann Guy Bacon gegen Peter Speedway und Prünell. Im zweiten Stechen war Prünell wieder Dritte. Diesmal hatte Peter Speedway einen klaren Vorteil vor Guy Bacon. Im dritten Stechen bahnte sich dann eine sportliche Sensation an. Auf dem durch Regen schwer gewordenen Geläuf fuhr Peter Sitnikoff mit der russischen Stute einen Sieg gegen Lee Nelson heraus. Im Entscheidungslauf waren die Sieger unter sich. Die große Klasse von Guy Bacongab den Ausschlag. Als leichter Sieger ging er vor Peter Speedway und Prünell durchs Ziel."

Das Erfolgsjahr schlechthin für das Gestüt aber war, wie bereits gesagt, das Jahr 1931. Nicht nur, dass der damalige Trainer J. Spieß das Championat der Berufsfahrer erringen konnte. Die norddeutsche Zuchtstätte gewann 114 Rennen und 174201 Mark an Rennpreisen. Darüber hinaus konnten über 20000 Mark an Züchterprämien gebucht werden. Übrigens stand ,,Peter Speedway" in diesem Rekordjahr als Beschäler in Bardenhagen und bestritt keine Rennen mit.

Überhaupt konnte 1933 bereits auf eine erfolgreiche Traberzucht zurückgeblickt werden: ,,Peter Speedway und St. Roberts haben sich als Vaterpferde sofort glänzend bewährt, für die großartige Vererbung der beiden Beschäler sowie für die Güte der Mutterstuten sprechen am deutlichsten die großen Erfolge der Nachkommen. Über 300 000 Mark gewannen die Kinder von Peter Speedway und St. Roberts in den letzten drei Jahren. " Eines der erfolgreichsten war der Hengst Malte.

 

Das Gut

Während auf den großen Torfbahnen durch die Bardenhagener Elite Renngeschichte geschrieben wurde, nahm das Alltagsleben eine Autostunde von Hamburg entfernt auf dem Gestüt in der Heide eher seinen gewohnt beschaulichen Gang. Das Gut bot alle Voraussetzungen für eine erfolgreiche Zuchtanlage. 100 Morgen umfasste das gesamte Areal, davon 200 Morgen gute, tief gelegene Weiden. Mittelpunkt aber

war das 1908 von dem Bardowicker Architekten Wilhelm Matthies für den Vorbesitzer Alex Meyer errichtete repräsentative Herrenhaus.

 

Traberzucht

Im Vordergrund stand natürlich die Traberzucht. Etwa 100 Pferde umfasste der gesamte Zuchtbetrieb. Das Gestüt mit den 20 bis 25 Mutterstuten und den Fohlen war auf dem Gutsgelände untergebracht, ,,oben" an der Rennbahn standen die Rennpferde.

1925 schaffte Kloß für die importierten Ausnahmetraber gleichzeitig auch optimale Zucht- und Trainingsbedingungen. Eine neue Anlage entstand etwa einen Kilometer südlich des Gutes direkt an der Kreisstraße nach Ebstorf. Die geräumige Reithalle und zeitgemäße Pferdestallungen mit zwei Wohnungen darüber wurden errichtet. Dort hatten der Förster und der Trainer ihre Unterkunft. Eine 1000 m lange Rennbahn, mit Startbändern und Richterhäuschen ausgestattet, bot optimale Trainingsvoraussetzungen. Hier wurden die jungen Traber nun selbst eingebrochen und für die Rennbahn vorbereitet. Bahn und Anlagen sind heute noch erhalten, die Südkurve ist allerdings bereits gut mit Bäumen überwachsen. Etwa 20 Pfleger hatten die Pferde tagtäglich zu betreuen. Um sechs Uhr begann der Arbeitstag. Dann mussten die Pferde gefüttert und geputzt und die Boxen ausgemistet werden, außerdem musste Häckselgeschnitten werden.

Die jungen Traber wurden angespannt, und es begann die Morgenarbeit. Zunächst wurden sie von den Pflegern langsam auf der Rennbahn bewegt und warmgefahren. Dann nahm Trainer Gangwolf die Zügel selber in die Hand und drehte ein paar schnelle Runden. So wurden die Traber reihum gefahren. Für die nachfolgende Ruhephase hatten die Pfleger wieder die Traber zu übernehmen. Zunächst wurde

den Trabern mit einem Messer (Schweißmesser) der Schweiß abgestreift, dann wurden sie mit einer Kampher-Spiritus-Lösung eingerieben. Diese sollte die Haut kühlen und pflegen, um Druckstellen zu vermeiden. Dann wurden sie mit einer Wolldecke abgedeckt und in der Halle im Kreis trockengeführt.

Diese Vormittagsarbeit zog sich bis 11.30 Uhr hin. Dann waren anderthalb Stunden Mittagspause. Die Einheimischen aßen bei ihren Eltern zu Hause, für die Fremden wurde ein Mittagstisch im Kellerflur beim Gutsinspektor hergerichtet. Um die täglichen Wegezwischen Gestüt und Rennbahn zu verkürzen, erhielt jeder der dort Arbeitenden ein Fahrrad gestellt.

Nachmittags ging es dann weiter. Die Geschirre mussten geputzt und gepflegt werden. Dazu wurden sie zunächst mit einem Schwamm abgerieben, um Schweiß und Schmutz zu entfernen, und anschließend mit Sattelseife eingerieben, um das Leder geschmeidig zu halten.

 

,,Peerköttel"

Jeweils zwei andere Pfleger hatten nach der Mittagspause Esel ,,Anton" vor den kleinen Kastenwagen zu spannen und die Pferdeäpfel von den Weiden ab zu sammeln. Da die Pferde immer um die Lagerstellen herum fraßen, wurden auch ab und an die Kühe auf die Weiden geschickt, um einen gleichmäßigen Graswuchs zu erhalten.

 

Der Hufschmied

Auch Schmied Stolze aus Barnstedt war ständiger Gast auf der Rennbahn, denn es gab viel zu beschlagen. Zunächst musste am Huf Maß genommen und eine passgenaue Pappe zurechtgeschnitten werden. Nach dieser Vorlage wurden die Eisen dann in der Barnstedter Schmiede fertiggearbeitet und am folgenden Tag beschlagen. Der Rennbahn angegliedert war auch eine kleine eigene Schmiede. Und waren die Eisen noch nicht passgenau, wurden sie an Ort und Stelle noch einmal kurz warm gemacht und nachgearbeitet. Die Arbeit verlangte schon viel handwerkliches Geschick, denn jedes Pferd hatte seine Eigenheiten, und nur mit passenden Eisen war das Gangwerk zu regulieren.

Sicher wird der Schmied auch gleich kleinere Reparaturarbeiten an der technischen Anlage mit erledigt haben, denn ein im Kellerloch stehender Generator versorgte die Anlage mit Strom, und für die Traberstand fließendes Wasser bereit. Durch Motorkraft wurde das Brunnenwasser in ein großes Bassin, das über den Pferdeställen lag, hochgepumpt. Von hieraus verzweigte sich die Wasserleitung zu den einzelnen Boxen. Die Tagelöhner waren noch nicht so komfortabel ausgerüstet und mussten sich mit der Pumpe im Hof begnügen.

Aus Lüneburg kam regelmäßig der Tierarzt mit seinem alten, klapprigen Auto angereist, um die Gesundheit der Pferde zu überwachen. Kam KIoß zuweilen kurzfristig aus Hamburg angereist, brachte er oft noch seinen dortigen Haustierarzt mit.

Im Übrigen galt sein Interesse bei solchen Tagesreisen natürlich den Trabern. Nachdem er sich im Herrenhaus vorgestellt hatte, ging er zu Fuß zur Rennbahn hoch. Sein Weg führte ihn dann zum Richterhäuschen, das an der Innenseite der Geraden stand und rundherum mit Fenstern versehen war. Er öffnete die Fensterläden und setzte sich auf seinen Drehstuhl. Von hier aus konnte er den ganzen Bahnbetrieb gut überblicken, und mit der Stoppuhr in der Hand verfolgte er dann die Trainingsarbeit.

Gegen Abend, wenn der Trainingsbetrieb ruhte, wurden die hinterlassenen Bahnspuren wieder eingeebnet. Zwei Ackerpferde zogen eine Schleppe aus Holzbalken, zwischen die grobes Strauchwerk geklemmt war und die so die Funktion eines breiten Reisigbesens besaß.

Um 18.00 Uhr war allgemein Feierabend – oder auch nicht, denn in Zeiten des Abfohlens gehörte die Nachtwache natürlich auch zu den Aufgaben der Pfleger, Je zwei Mann lösten sich dann nachts ab. Stand die Geburt unmittelbar bevor, wurde der Gestütsmeister, der seine Wohnung über dem Gestüthatte, herausgeklopft.

Alle paar Tage wurde Leinsamen gekocht und der Schaum für Mutterstuten und Fohlen abgefüllt. Dies beugte Koliken vor und forderte gleichzeitig die Verdauung.

Als Energie- und Kraftfutter wurde Quetschhafer eingesetzt, und die im Gutsbetrieb angebauten Runkeln und Futtermöhren sorgten für ausreichende Saft- und Vitaminversorgung.

Für den Transport der Pferde hatte Kloß extra einen Lkw mit vier Stellplätzen angeschafft. In den ersten Jahren ging es allerdings noch nicht so komfortabel zu. Da wurden die Pferde am Halfter geführt, nach Bienenbüttel zum Bahnhof gebracht (nicht geritten!)und dort auf die Bahn verladen. Zu dieser Zeit kamen quasi im Gegenzug auch noch Waggons mit Pferdemist aus Hamburg an, ,,produziert" von den firmeneigenen Bäckereipferden, denn motorgetriebene Auslieferwagen gab es ja noch nicht. So mussten die Tagelöhner dann mit Kastenwagen und Gespann zum Bahnhof und mit Forken bewaffnet die Waggons entladen. Meistens kamen sie erst abends in Bardenhagen mit der dampfenden Ware wieder an.

Mit der wachsenden Motorisierung fielen diese Transporte natürlich weg. Dafür kam jetzt regelmäßig jeden Sonntag ein firmeneigener Lkw. Brotabfälle, Brötchen und Butterkuchen, die sich im Laufe der Woche angesammelt hatten oder am Wochenende nicht mehr abzusetzen waren, wurden nach Bardenhagen geschafft. Im Schweine- und Kuhstall fanden sich dafür dankbare Abnehmer. Auch bei den Ackerpferden standen stets Säcke mit diesen Resten, und auch die Karpfen im Teich bekamen ihren Teil ab.

So manches gute Rundstück war jedes Mal dabei, das wussten auch die Kinder (nur die Kinder?). Und so wurde der Kornboden, der als Lagerplatz diente, auch regelmäßig durchstöbert - in der damaligen knappen Zeit eh sicheres ,,Zubrot".

 

Sommerfrische.

Mutter Kloß kam in den Sommermonaten gerne aufs Land. Auch sie, die halbseitig gelähmt war, genoss die Sommerfrische und brachte dann stets ihre eigene Köchin mit. Die Männer allerdings kamen oft nur tageweise, weil es die Geschäfte wohl nicht anders zuließen. Anfangs besaß Kloß noch kein eigenes Auto. So musste ihn der Hofmeister mit dem Landauer in Lüneburg vom Bahnhof abholen. Später kam er dann mit dem Wagen und eigenem Chauffeur.

 

Motorspritze

Blieb er wirklich mal etwas länger, setzte er sich auch mit den Bauern der Umgebung zusammen, und sie spielten Skat. Eine derartige Stammtischrunde gab wohl auch den Anstoß zur Gründung der Freiwilligen Feuerwehr Eitzen I. Denn Kloß beschafft 1924 zusammen mit der Realgemeide, natürlich auch, um die Werte des Gestüts geschützt zu sehen, eine neue Motorspritze, wohl die erste auf dem flachen Land im Kreisgebiet.

 

Gutsleben

Der feudale Guts- und Zuchtbetrieb erforderte natürlich umfangreiches Personal. Die Einwohnerzahl Bardenhagens stieg dadurch von 40 im Jahr 1913 auf 63 im Jahr 1920. 1932 hatte Rudolf Rüscher als Administratoroder Inspektor die Verantwortung für das Ganze, insbesondere auch für die eigene Landwirtschaft. Im Herrenhaus walteten Ella Werner als Hausdame und Lotte Classen als Wirtschafterin. Köchin und zwei Mädchen gehörten auch zum ständigen Personal. Sie konnten seinerzeit schon die Bequemlichkeit einer Dampfheizung genießen. Einen der ersten Telefonanschlüsse hatte Kloß schon von seinem Vorgänger übernommen.

Gestütsmeister und damit Herr über Pferd und Pfleger war Joh. Bleiß. Für den Trainingsbetrieb hatte Gestütstrainer A. Gangwolf die Verantwortung. Für das Rennjahrwurde W. Döring an Stelle von J. Spieß als neuer Privattrainer verpflichtet. Die beiden letzten Rennjahre verliefen nicht so gut, unter anderem auch deshalb, weil Kloß länger krank und auch geschäftlich stark gebunden war.

Obergärtner Wilhelm Esch hatte mit seinen Helfern die zwei Treibhäuser und den beim Herrenhaus gelegenen Park in Ordnung zu halten. Unter Glas wurden Blumen gezüchtet und Gurken gezogen. Zur weitgehenden Selbstversorgung diente auch der große Gemüsegarten auf der anderen Straßenseite. Hier stehen heute zwei Mehrfamilienhäuser, die nach dem Kriege gebaut wurden. Dem Inspektor stand ein eigener Garten zu. Mitten im Park war ein Pavillon errichtet, auf dessen Dach ein ausgestopfter Storch platziert war. Den großen Karpfenteich hatten die Gärtner ebenso mit zu betreuen wie die aufgestellten Bienenstöcke.

 

Wildgatter

Zum Jagdrevier gehörten neben Bardenhagen auch Barnstedt,  Beverbeck,  Varendorf und ein Teil von Eitzen I. Zur jährlichen Treibjagd wurden neben den geladenen Gästen aus Hamburg auch die umliegenden Bauern geladen. Daneben hatte sich Förster Peter Keiser auch intensiv um das große Wildgatter zu kümmern. Etwa 30 Tiere, Rot- und Damwild, waren in dem gut eingezäunten Gehege zu betreuen. Ein weißer Hirsch fiel dem Betrachter hier besonders ins Auge. Angeblich war extra eine Holzrampe errichtet worden, um brunftenden Hirschen aus dem angrenzenden großen Waldgebiet, dem Süsing, den Zugang zum Gehege zu ermöglichen. Ob diese Falle allerdings funktioniert hat, ist nicht überliefert. In einer Silvesternacht, es war wohl 1928, wehte bei starkem Sturm der Zaun um. Die Tiere sind aber trotzdem im Gatter geblieben. Danach wurde die Einzäunung noch einmal mit Eisenpfählen verstärkt.

Die Hirsche wurden 1945, als die Engländer in Bardenhagen einzogen, von diesen weitgehend abgeschossen. Wenige sollen später noch im Süsing gesichtet worden sein.

 

Schäferei

Im Sommer sah man auch jeden Morgen die etwa 300 köpfige Herde von Schäfermeister Johannes Böhnk auf die Schafweide ziehen. Diese lag beiderseits der Landstraße nach Ebstorf vor den Hellkuhlen. Den Winter über blieben die Tiere im Stall auf dem Gut und wurden hier gefüttert. Bei der Schafschur mussten die Tagelöhnerfrauen mithelfen. Die Wolle wurde dann gewaschen, auf den Dachboden des Inspektors geschafft und später bei Zeiten verkauft. Schäfer Böhnk war ein erfahrener Mann. Er bildete seine Hütehunde noch selber aus. Er kannte sich auch, wie in diesem Beruf häufig, in der Heilkunde aus. Die Leute aus der Umgebung kamen, wenn sie an Rose erkrankt waren, zu ihm und ließen sie besprechen.

Nur Strümpfe stricken, wie es sein Vorgänger Ernst Schwab vielleicht noch gemacht hatte, tat er nicht mehr. Später übernahm sein Sohn Hans Böhnk die Herde und setzte diese alte Familientradition damit bis 1973 in Bardenhagen fort.

Zum Gutsbetrieb gehörten weiterhin eine 30köpfige Milchviehherde sowie ein Bestand von 300 Schweinen, die nach dem Umbau der Stallungen aufgezogen wurden.

 

Weihnachten

Weihnachten war auch in der knappen Zeit der 30er Jahre etwas Besonderes. Sämtliche Bediensteten wurden mit Familien und Kindern ins Herrenhaus gebeten.

Jedes der Kinder bekam dann Pakete mit Braunkuchen und Schokolade. An die Frauen wurden Pralinen verteilt, und die Männer erhielten eine Kiste Zigarren.

 

Das Ende

Dann kamen der politische Machtwechsel und die Kriegsjahre. Die Bahrenfelder Rennbahn wurde 1942 wegen der in der Nähe liegenden Rüstungsbetriebe völlig gegen Fliegereinsicht getarnt, der Rennbetrieb am Volkspark eingestellt. Erst im Jahre 1953 konnte er wieder eröffnet werden.

Wirtschaftlich zeichneten sich gravierende Veränderungen ab. Auch die Brotfabriken waren vom Bombenhagel nicht verschont geblieben und hatten beim Wiederaufbau in den ersten Nachkriegsjahren erhebliche Schwierigkeiten. Der Absatz stagnierte, der Wettbewerb wurde immer heftiger. Die Brotfabrik Kloß musste sich dem Konkurrenzkampf beugen und 1953 ihre Produktion einstellen. Wie das ,,Hamburger Echo" am 16. Februar 1953 berichtete, waren noch 100 Beschäftigte von der Kündigung betroffen. Auch die Firma Busch, die zweite große Brotfabrik, musste den gleichen Weg gehen und Anfang der 60er Jahre ihre Pforten schließen.

Das Gut Bardenhagen wurde bereits 1951 an die Vereinigte Saatzuchten eG aus Ebstorf verpachtet. Zwei Jahre später haben die VSE das Areal dann auch käuflich erworben. Das Herrenhaus befindet sich heute im Privatbesitz. Die etwa einen Kilometer südlich des Gutes direkt an der Kreisstraße gelegenen Anlagen und die Rennbahn sind heute noch Zeugen für ein gewichtiges Stück deutscher Trabergeschichte.

 

 

Quellen und Literatur

Hamburg, Staatsarchiv: lrdl. Mitteilung v.1. 4. 1995

Uelzen, Kreisarchiv: Schulchronik Beverbeck I, S. 56; IX, B 9/9:

Ortsakte Eitzen I. I 3/52

Anonym: ,,Gestüt Bardenhagen". In: Album des Deutschen

Rennsports. Berlin I 933

Düsterdieck. Carl: Sechs Jahrzehnte Altonaer Renn-Club e. V.

Festschrift. Harnburg-Bahrenleld 1965

Düsterdieck. Carl: 100 Jahre deutscher Trabrennsport. Hamburg 1974

Röber. Conrad: Entdecken Sie unsere Heimat (135). In: Allgemeine

Zeitung, Uelzen, v. 16. 7. 1988

Stallmann, Ernst: Chronik des Hamburger Bäckerhandwerks

l 883-l 983

Weber. Günter: Große Namen - die man nie vergisst! In: Starter

I 05/4 5

Zeitzeugen: Hildegard Bragulla, Otto Meyer. Bernhard Böhnk.

Bruno und Hilda Böhnk geb. Martens. Allen Genannten sowie

Herrn Badenhop von der VSE herzlichen Dank für die Mitarbeit.